Leseprobe "Basilika"


aus "Die Basilika"


Das Washington Hotel gehörte zu den ersten Adressen der kleinen Großstadt, und davon gab es nicht viele. Offizielle Gäste der Stadt wurden hier genauso untergebracht wie die Gäste des großen Chemiewerkes. Hier kostete das Schnitzel doppelt so viel wie in den meisten anderen Gaststätten und wurde auch anders genannt. Hier feierte man seine runden Geburtstage, zumindest einmal im Leben. Hierhin wurde man eingeladen, wenn es ein Bundesverdienstkreuz zu feiern gab. Hier wurde nicht gegessen, hier wurde gespeist. Hier residierte das Karnevalsprinzenpaar in den tollen Tagen und hier trafen sich die lokalen Ableger der internationalen Serviceclubs, die der Männer, die keine Frauen aufnahmen, und die der Frauen, in die die Männer gar nicht rein wollten. 
Franz Seyfert saß am Tisch des Vorstandes jenes Serviceclubs, der sich vorwiegend aus dem gehobenen Handwerk und den mittelständischen Unternehmen rekrutierte. Hier konnte man nicht die Aufnahme beantragen, hier musste man warten, bis man gefragt wurde. Manche warteten ein Leben lang auf die Anstecknadel fürs Revers und blieben draußen vor der Tür. Man wollte unter sich bleiben und Gutes tun, denn in so einem Club ist man unter Freunden und unter Seinesgleichen, da müssen die politische Farbe stimmen und das Einkommen, der einwandfreie Familienstand und die gesellschaftliche Reputation. Wenn man unter sich war, dann konnte man sich locker geben, achtete aber trotzdem auf Stil, zumindest meistens. Anzügliche Bemerkungen rutschten schon einmal dem einen oder dem anderen heraus, waren aber eigentlich nicht erwünscht, auch wenn man nur unter Männern war. Erst recht nicht, wenn einer der seltenen Gäste im Raum war. 
 „Diese Einladung hier ist ein Fauxpas.“ Der Inhaber einer Maschinenfabrik, die Kompressoren für Klimaanlagen herstellte, hatte sich fast ein wenig zu auffällig zum Vorstandstisch umgedreht, ein Mittvierziger mit dem Teint eines Tennisspielers und Skifahrers. Sein dunkelblauer Blazer mit den Messingknöpfen zog unschöne Falten. Er tupfte sich seinen grauen Schnauzer, in dem ein wenig der Spargelcremesuppe hängen geblieben war, mit der Serviette ab und schaute Zustimmung erheischend an seinem Tisch umher. „Unser Präsident wird auch schon ein bisschen senil“, fuhr er fort, als er von dem einen oder anderen die Andeutung eines Nickens wahrnahm. „Aber er wollte es ja unbedingt noch einmal machen. War sein siebzigster Geburtstag nicht schon vor drei Jahren?“ Er legte den Löffel mit leichtem Zorn in die Suppe und tupfte wieder den Bart ab. „Es wäre langsam Zeit, anderen das Feld zu überlassen.“ 
 „Nun lassen Sie dem Alten die Freude. Er braucht auch seine Streicheleinheiten und Aufmerksamkeit.“ Der dunkelgraue Businessanzug mit Weste gehörte einem Schulleiter, der die Abteilung „Bildung und Kultur“ im Club vertrat. „Vielleicht ist der Vortrag unseres Gastes ja ganz interessant. Auf jeden Fall besser, als wenn der Präsident selbst vortragen würde.“ 
Ein süffisantes Lächeln wanderte um den Tisch, und man widmete sich dem Leeren der Teller. Es wollte die gehobene Kunst des Essens mit Stil und der gleichzeitigen Konversation gepflegt werden. 
Immer noch kamen einige Mitglieder des Clubs an. Wenn man viel zu tun hatte, konnte man nicht immer pünktlich sein. Wenn man immer pünktlich war, erweckte man den Eindruck, man habe nicht viel zu tun, und wer nicht viel zu tun hatte, der war auch nicht wichtig, und wichtig wollte man sein. Einige hatten bereits den Status des sicheren Wichtigseins erreicht, sie konnten beruhigt pünktlich kommen. Wer hereinkam, schaute als Erstes im Speisesaal umher, ließ den Blick über die Tische gleiten, registrierte schnell, wer da war oder auch nicht, nahm die Wimpel der befreundeten Clubs aus aller Welt, die für die Dauer des Meetings die Wand schmückten, kaum noch wahr, ebenso wenig wie die Bilder aus Washington DC und das bekannte Porträt George Washingtons, die den Anspruch des Hotels auf Internationalität unterstreichen sollten, überprüfte, ob seine Ankunft wahrgenommen wurde und von wem, suchte nach einem freien Platz und überlegte möglichst unauffällig, wessen Gesellschaft er suchen und wessen er meiden wollte, waren sie doch zwar alle Mitglieder eines Clubs und damit zwangsläufig Freunde, aber es musste doch erlaubt sein, individuelle Unterschiede zu machen.    

Ein Tisch war immer schon eine halbe Stunde vor Beginn jedes Treffens besetzt. Hier saßen die Altmitglieder, zwei von ihnen hatten den Club mitgegründet. Alle im Alter nicht weit von den Achtzig entfernt, in die eine oder die andere Richtung, hatten sie inzwischen den Zustand seelischer Ausgeglichenheit erreicht. Dies galt zumindest für diese wenigen Stunden ihrer vierzehntägigen Treffen im Club, die ihnen deutlich machten, dass sie es im Leben zu etwas gebracht hatten, was ihnen nur noch der Tod nehmen konnte, wobei sie dieser Gedanke gelegentlich schreckte, wenn der eine oder andere einmal fehlte, wegen Krankheit zum Beispiel oder weil es ihm heute nicht so gut ging. Sie waren es auch, die den Kontakt zu den Mitgliedern herstellten, die gar nicht mehr kommen konnten und von denen man in unregelmäßigen Abständen mithilfe eines Kranzes und einer Schleife Abschied nahm.


Aus: Die  Tote auf dem Filmfestival  

Es war der ideale Ferienjob. Sie konnte mit dem Fahrrad hinfahren, er war auf zwei Monate begrenzt, wurde gut bezahlt und man konnte viel erleben. Janina studierte im vierten Semester Betriebswirtschaft an der Fachhochschule in der Ernst-Böhe-Straße und bewarb sich sofort, als sie die Ausschreibung am Schwarzen Brett entdeckte: „Das Filmfestival Ludwigshafen sucht Studierende für die Zeit vom 1. August bis zum 15 September für den Service, die Kassen, den Dienst in den Festivalzelten und andere Tätigkeiten.“ Es folgten die Kontaktadresse und die zu erfüllenden Voraussetzungen. Das war ihr Traumjob. Sie würde die außergewöhnliche Atmosphäre dieses Festivals auf den Rheinwiesen genießen können und berühmte Schauspielerinnen und Schauspieler treffen. Wer war nicht schon alles da gewesen – Hannelore Elstner, Joachim Krol, Bjarne Mädel, Maria Furtwängler, Sandra Maischberger und viele andere. 

In diesem Jahr sollte auch Sebastian Mahler kommen, ein Mann wie aus dem Bilderbuch: gut aussehend, männlich markant, locker, mit einem tollen Body. Zum ersten Mal hatte sie ihn in dem Film „Gegen alle Widerstände“ gesehen, wie er im Alleingang eine Bande von Mädchenhändlern niedergemachte. Dann in „Eine einzige Nacht“ als Gentlemanverführer, der die wunderschöne Geliebte eines Gangsterbosses befreite und dabei gegen einen ganzen Mafiaclan kämpfen musste. Sein letzter Film hieß „Nie wieder allein“ und war ein bisschen kitschig, aber hinreißend. Sie schwärmte für ihn, seit sie sechzehn war, und hatte alle seine Filme gesehen. In diesem Sommer sollte er zum Filmfestival an den Rhein kommen. 

Janina ahnte nicht, was sie erwarten würde, als sie ihren Arbeitsvertrag unterschrieb. 



Der Mann, der an diesem wie an fast jedem Tag am Rheinufer entlang joggte, hätte ein Schauspieler sein können. Er sah gut aus, hatte eine athletische Figur und einen so lockeren Gang, wie man ihn von einem Leinwandhelden erwartete. Außerdem hatte er ein gewisses dramatisches Talent in der Schauspiel-AG seiner Schule bewiesen. Deshalb nahmen seine Klassenkameraden an, dass er sich nach dem Abitur der Schauspielkunst zuwenden würde. Aber er war zum Entsetzen einiger seiner Freunde Pfarrer geworden. Immer wieder hatte er darüber nachgedacht, ob es Parallelen zwischen den beiden Berufen gab, aber außer der Tatsache, dass man vor Publikum reden musste, keine weiteren gefunden. 

Franz Seyfert war Inhaber der protestantischen Pfarrstelle Ludwigshafen-Süd und hatte damit das Privileg, in der Nähe des Rheins zu wohnen. Von seinem viel zu großen alten Pfarrhaus aus waren es nur gut fünfhundert Meter bis ans Ufer. 

An diesem Septembermorgen war es noch angenehm kühl. Die tropischen Nächte der Vortage hatten vielen den Schlaf geraubt, aber nun war der Spätsommer angebrochen mit seinem wunderbaren Duft nach den ersten welkenden Blättern und den letzten kraftvoll aufblühenden Blumen auf den Rheinwiesen. Es lag ein leichter Dunst über dem gleichmäßig dahinfließenden Strom, auf dem sich ein riesiger Schubverband, haushoch mit Containern beladen, bergan mühte, und dem die beiden zu Tal fahrenden Paddelboote auszuweichen sich beeilten. Das sonore Tuckern des großvolumigen Diesels am Ende des Schubverbandes wurde gelegentlich übertönt von den reißenden Geräuschen der zwischen den Bögen der Rheinbrücke rollenden Züge. 

Die Langsamkeit des Verkehrs auf dem Fluss war ein angenehmer Kontrapunkt zu dem oft hektischen Arbeitsalltag Seyferts, der wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen nie wirklich die Gewissheit hatte, genug getan zu haben. Immer blieb etwas liegen, was eigentlich erledigt werden wollte. Zumeist waren es die Besuche bei seinen zahlreichen Gemeindegliedern, die gerne einmal ihren Pfarrer zu Hause gesehen hätten, wenn es ihnen schon aus unterschiedlichen Gründen nicht gelang, am Sonntag den Gottesdienst zu besuchen. 

Im August und September jedes Jahres verwandelte sich die Parkinsel am Rhein in quirliges Festivalgelände. Zelte wurden aufgebaut, Unmengen von Bierzeltgarnituren auf zuvor verlegten Holzbohlen aufgestellt, Filmprojektoren und Kühlwagen installiert, eine große Küche, die unumgängliche Toilettenanlage, Stehtische mit weißen Hussen, Lampions am Wasser und in den Bäumen, die am Abend eine bezaubernde Stimmung erzeugten, die Tausende von Menschen anzog. 

Jetzt, am Morgen, lag das Festivalgelände verwaist da. Alle Zugänge waren versperrt, nur ein paar Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes patrouillierten auf dem Grundstück. Weil das Festival sich bis an den Rhein ausgebreitet hatte, musste Seyfert drumherumlaufen, an den als Absperrung dienenden Bauzäunen auf der Rückseite entlang, den breiten geteerten Weg unter den hier dicht stehenden Bäumen. Man achtete vonseiten der Festivalleitung peinlich genau darauf, dass noch in der Nacht jeglicher Unrat in und um das Gelände herum weggeräumt wurde, und so wunderte sich Franz Seyfert, als er zwischen Bauzaun und Toilettenanlage etwas liegen sah, das ihn an ein weggeworfenes Bündel Kleidung erinnerte. Er trat näher – und griff zu seinem Handy. 



Janina hatte noch am gleichen Tag bei der angegebenen Telefonnummer angerufen und einen Vorstellungstermin ausgemacht. Die Wände in den Räumen des Festivals des Deutschen Films waren mit Fotos aus den vergangenen Jahren gepflastert. Sie zeigten allesamt bekannte Schauspieler und Regisseure zusammen den prominenten Vertretern der Sponsoren – und auf allen dieses ganz besondere Licht der Abende am Rheinufer. Sie hatte noch gar nicht alle Bilder betrachten können, als sie in ein Büro gerufen wurde. 

Zunächst erläuterte ihr die sympathische Mittvierzigerin auf der anderen Seite des Schreibtisches, dass ihre mögliche Mitarbeit beim Festival als Praktikum organisiert werden würde. Das mache die Sache mit der Steuer und der Krankenversicherung für alle einfacher, meinte die Frau in legeren Jeans und Pulli. Dann wurde sie nach ihrem Studium und ihren bisherigen Erfahrungen gefragt. Janina hatte schon einmal gekellnert und in einem Reisebüro zu den Stoßzeiten ausgeholfen. Auf die Frage, welche Erwartungen sie an ihre Arbeitszeiten stelle, antwortete sie, dass sie in den beiden Monaten eigentlich immer Zeit hätte, denn es seien ja Semesterferien. Die Frau hinter dem Schreibtisch betrachtete sie eine Weile, und fragte sie dann, ob sie sich vorstellen könne, der Direktion des Festivals bei der Betreuung der Ehrengäste zu helfen. Hierfür bräuchte man neben guten Umgangsformen vor allen eine gewisse geistige Flexibilität. Vermutlich weil Janina ihr Abitur mit einer Eins vor dem Komma absolviert hatte und in den Augen ihrer Betrachterin als ausgesprochen hübsch anzusehen war, wurde ihr dieses überraschende Angebot gemacht. Janina sagte mit all der Zurückhaltung, zu der sie angesichts dieser erfreulichen Perspektive noch fähig war, dass sie sich dies gut vorstellen könne. 

Die Frau hinter dem Schreibtisch hörte den kleinen Freudenschrei, den Janina beim Verlassen des Hauses ausstieß, nicht mehr. Das war nicht nur toll, das war grandios. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte sich hinter dem Vorhang beim Gläserspülen, an der Kasse oder der Theke beim Getränkeausschank, als Tellertaxi beim Abräumen des benutzen Geschirrs oder bestenfalls am Eingang eines Zeltes als Kartenkontrolleurin gesehen – aber Betreuerin der VIPs, das hatte sie nicht erwartet. Sie würde ihren Leinwandlieblingen und den anderen Promis nahe sein können.