Mainebel

 

Der vierte Felsenlandkrimi 

Die zum Fundort der Leiche beorderte junge Polizistin und ihr Kollege riefen im Pfarrhaus in Schönbach an, und der Samstag begann so ganz anders, als Bernd Peters es sich am Abend zuvor in seiner durch kurzzeitige Kinderlosigkeit überbordenden Fantasie ausgemalt hatte. Er hatte sich schon mit Barbara im Thermalbad in Bad Bergzabern gesehen, mit Saunagang und allem Drum und Dran. Der Nachmittag im Bett, den Abend ganz entspannt vor dem Fernseher. Endlich einmal heraus aus dem Trott von Kindergeschrei, nächtlicher Unruhe und Schlafmangel. Und nun kam dieser Anruf. 

Ein Gutes hatte die Angelegenheit: Die Anfahrt war kurz. Der Kriminalkommissar wohnte bei seiner Frau im Pfarrhaus in Schönbach, Luftlinie keine zwei Kilometer von den Fladensteinen entfernt, von denen der Brocken der größte war. Also konnte sein Kollege Scheller erst einmal bei seiner ihm angetrauten Krankenschwester und dem Baby in Pirmasens bleiben. Der hatte seinen freien Samstag genauso verdient wie Bernd Peters, hatte doch eine Serie von Einbrüchen die beiden die letzten Wochen intensiv beschäftigt. Schließlich war es ihnen gelungen, den Kleinbus mit den beiden Erwachsenen und den sechs osteuropäischen Minderjährigen direkt nach einem Einbuch vor einer Villa in Lemberg sicherzustellen. Die Jugendlichen kamen ins Nardinihaus in Pirmasens, die beiden Erwachsenen ins Gefängnis nach Zweibrücken. 

Jetzt musste er noch vor dem Frühstück ins Wieslautertal hinunter und dann auf Forstwegen so nahe wie möglich an die Fladensteine heran. Der im Mai allgegenwärtige Frühnebel lag im Tal der Wieslauter. Er musste vorsichtig fahren. Aber kaum hatte er ein paar Meter an Höhe hinauf zu den Felsen gewonnen, war die Sicht wieder klar. 

Die einzelnen Felsen haben eigene Namen. Der größte, in Richtung Schönbach gelegene, wird »Bundenthaler Turm« oder »Brocken« genannt. Es folgender »Namenlose Turm«, der »Ilexturm« und der »Stuhl«, bei dem seine Form der Namensgeber war. Dem »Jüngstturm« und dem »Backofen« schließt sich in Richtung Erlenbach der »Erlenbacher Turm« an. 

Um diese Felsformationenrankt sich – wie um so viele im Felsenland – eine Geschichte. Sieerzählt von einer Hochzeit, die einst auf der Burg Berwartstein gefeiert wurde. Unter den Gästen waren sieben Bundenthaler Brüder. Am Ende des rauschenden Festes wankten sie nach Hause. Unterwegs kamen sie jedoch vom Weg ab und beschlossen, auf dem Berg über Bundenthal zu rasten. Während sie sich ausruhten, kam ein alter, gebrechlicher Mann des Wegs und bat die sieben um ein Almosen. Siebeschimpften ihn und nannten ihn einen Faulpelz und Tagedieb. Da sagteder Alte zu ihnen: »Eure Herzen sind aus Stein. Und so sollen auch eure Körper zu Stein werden!« So geschah es. Seitdem warendie sieben Brüder zu Stein geworden und rührten sich nicht mehr vom Fleck. 

Der Wald um die Steine herum war jung, und doch hatte er sie schon fast überwuchert. Die Gipfel der Bäume reichten bis an die Spitzen der Sandsteinfelsen. Unten, im Schatten, hatten die Wanderer und Kletterer Wege ausgetreten. Peters kam an einer Bank vorbei, warf einen kurzen Blick auf die Schautafel mit den Erläuterungen, nahm im Vorbeigehen wahr, dass an den Felsen bis zu zehn verschiedene Ablagerungsschichten des Urmeeres zu unterscheiden waren, stolperte über einen grün bemoosten Ausläufer des Ilexturms, strich ein wenig ehrfürchtig mit der Hand über den Sandstein und suchte den Ort des Geschehens. 

Übermäßiger Alkoholgenuss und anschließenderVerlust der Orientierung wie bei den sieben Brüdern hätten auch die Ursache für den Tod dieser Frau mit den blondierten Haaren und der sportlichen Figur sein können. Sie lag auf dem Rücken, als wäre sie gerade umgefallen, vielleicht im Rausch gestolpert und in der kühlen Mainacht an Unterkühlung gestorben. So etwas hatte Peters immer wieder einmal erlebt. Es musste nicht eine klirrend kalte Winternacht sein, auch diese Frühlingsnächte nahe dem Gefrierpunkt genügten für eine tödliche Unterkühlung, wenn der Alkoholpegel hoch genug war. Gegen die Unterkühlung sprach, dass die Frau ihre Regenjacke anhatte. Menschen, die zu erfrieren drohen, ziehen oft ihre Kleidung aus, weil sie kurz vor dem Kältetod ein unerträgliches Wärmegefühl überfällt. Aber vielleicht war sie auch dazu zu betrunken gewesen. 

Er hatte den Weg zum Fundort der Leiche schnell gefunden. Die Kollegen von der Bereitschaft hatten ihren Einsatzwagen in der Nähe des Felsens geparkt und das Blaulicht eingeschaltet gelassen. Fünfzehn Minuten nach ihrem Anruf war er bereits bei ihnen angekommen. Das Wandererpärchen saß ein wenig abseits auf einem Stapel Schichtholz und trank aus einer Thermosflasche heißen Tee oder Ähnliches. Nachdem er die Kollegen mit Handschlag begrüßt hatte, ging Peters zu ihnen. 

»Das muss ein ziemlicher Schock für Sie gewesen sein«, begann er vorsichtig. 

Beide nickten. 

»Haben Sie die Frau so vorgefunden, wie sie jetzt dort liegt?« 

»Ja, ich habe sie nur kurz angestupst, um zu schauen, ob sie noch lebt«, antwortete der Mann. »Aber sie war schon ganz steif. Der ganze Körper hat sich bewegt. Schrecklich!« 

»Dann haben Sie vermutlich auch niemand anderen in der Nähe gesehen?«, hakte Peters nach. 

»Nein, wir waren sehr früh hier«, meinte die Frau, »da ist sonst kaum jemand unterwegs.« 

»Dann versuchen Sie sich jetzt von dem Schreck zu erholen.« Peters bemühte sich, verständnisvoll zu wirken. »Geben Sie den Kollegen dort Ihre Kontaktdaten und kommen Sie am Montag nach Pirmasens in die Polizeidirektion, damit wir ein Protokoll schreiben können.«